Laudatio


Alles Premiere.

„Eine neue Ausstellung im Museum Junge Kunst zeigt, dass alles schon da ist und ich mich eigentlich umsonst mühe, aber das ist mir dann doch egal!“, schreibt Cornelia Schlemmer am 31.Januar in ihr Internettagebuch und da möchte ich ihr vehement widersprechen!
Zunächst zu der von ihr beschriebenen Ausstellung „Neuerwerbungen Teil 1, 2000-2010“ im Museum Junge Kunst: Das war wirklich alles schon mindestens einmal da, denn die Ausstellung zeigt kein einziges neues Werk, sondern einige neuere Kronjuwelen des Museums. Das Erstaunliche daran ist, dass die dort gezeigten Werke quasi ohne Ankaufetat erworben wurden. Zweifellos ist dies eine herausragende Leistung des großen persönlichen Engagements der Museumsleitung um Frau Rieger-Jähner und Herr Hauer.
Aber wirklich neue Arbeiten sieht man im Moment in dieser Stadt hier bei uns, in der Ausstellung „Grenzgänger“, wie die Berliner Künstlerin ihren Arbeitsaufenthalt in der Galerie B des Frankfurter Kunstvereins überschrieben hat.
„Alles Premiere“, überschreibe ich meine Gedanken und möchte damit betonen, wie viel Neues wir Cornelia Schlemmer zu verdanken haben. So überrascht uns die Künstlerin mit einem Blog, also einem öffentlichen Tagebuch, in dem sie Ihre Erlebnisse und Beobachtungen der letzten drei Wochen und Wochenenden in dieser Stadt und der Umgebung amüsant und lesenswert beschreibt und uns damit natürlich auch einen besonderen Zugang zu ihren Werken liefert. (Sie finden diesen Blog über unsere Internetseite „ffkv“ oder über die Internetseite der Künstlerin) Das hatten wir in dieser Art noch gar nicht, ähnlich nur von Malte Lück, dem Aktionskünstler, Sie wissen schon.
So schöne Lithografien hatten wir hier auch noch nicht in den Jahren des Regenerativ-Verfahrens. Sie sind freilich von Berlin mitgebracht, denn diese aufwändige Flachdrucktechnik von Schiefersteinen kann man hier bei einem Arbeitsaufenthalt nicht machen, da fehlen uns auch die technischen Voraussetzungen.
So aktuell waren wir wohl auch selten: Direkt zum Geburtstag von Friedrich dem Großen und exklusiv haben wir hier eine Installation zu seinen Ehren, die ganz spektakuläre Fundstücke präsentiert: Den königlichen Thron etwa oder auch die Handgelenktasche des jungen Monarchen.
Überhaupt kann ich mich an keine Ausstellung in diesen Räumen erinnern, die so viele Handtaschen präsentierte!
Keine Mühe also ist umsonst und wir sind der Künstlerin dankbar für die Ausstellung, die sie uns hier beschert.
Man sieht es ihren Augen an, sie hat es hier genossen,
Drei Wochen wie im Flug vorbei, die Tage sind verflossen.
Ihr Tagebuch erzählt uns viel, von Tagen hier und auch von Nächten,
Nichts war schon da, keine Mühe umsonst, wenn die Bilder nur brächten,
die Wahrheit ans Licht.

Die Wahrheit worüber, es ist alles gesagt!
Die Wahrheit darüber, was wir uns gefragt.

„Alles Premiere“! Jetzt reimt der Laudator schon in den viel zu großen Fußstapfen von Jürgen Barber.

„Grenzgänger“ – Malerei und Druckgrafik, betitelt die 1969 in Rostock geborene Künstlerin ihre Ausstellung und sie hält, was sie verspricht: Hervorheben möchte ich die beiden Lithografie-Serien, einmal die Auftragsmappe zur Peer-Gynt-Suite, der auch das Motiv unserer Einladungskarte entstammt und dann die suggestiv wirkenden Arbeiten zur „Georg“-Serie, in der die Künstlerin fotografisches Material ihres Großvaters verwendet, der als Fahrer im Krieg nicht nur viel herumkam, sondern der seine kriegsbedingten Reisen auch gern fotografisch dokumentierte und der dazu offenbar auch die Ausrüstung hatte.
Diese Bilder nun, die erst nach dem Tod des Großvaters in die Hände von Cornelia Schlemmer gelangten, bilden den Ausgangspunkt einer Serie von Lithografien. Nehmen wir zum Beispiel die Arbeit „Sonderbare Begegnung“ aus dem Jahr 2010, so zeigt sie uns einen Mann, vielleicht den Großvater in Kriegstagen, der einer Kuh gegenüber steht und der diese am Maul streichelt oder füttert, der in jedem Falle aber posiert, stolz mit dem großen Rindvieh; ähnliche Fotos gibt es von vielen von uns, vor Kühen, Schafen, Pferden und anderen Koppeltieren, die wir bei Urlaubswanderungen unverhofft getroffen und auf Zelluloid gebannt haben; Relikte der Erinnerung, einer kollektiven Erinnerung offensichtlich, in der viele Lebensläufe Parallelen aufweisen, in der oft im Gleichschritt marschiert wurde.
Ich kann das komplizierte chemische Verfahren nicht beschreiben, das dieses Foto auf einen Schieferstein überträgt, aber ich kann vermuten, dass mindestens vier weitere Steine gleicher Größe unterschiedliche Farbtöne transparent lasierend über das Foto drucken. Von der hellsten Farbe beginnend also ein Gelbton, ein Ocker-Orange, ein Blauton und ein Schwarzton.
Diese farbige Behandlung der Fotovorlage hat nicht nur ein leicht verfremdendes Kolorit der Arbeit zur Folge, das aber im Gesamtklang der Farbigkeit an Spätsommer oder Frühherbst denken lässt, sondern die vier Farben verflächigen die Fotovorlage, verschieben leicht einige Bildpartien, machen das Fotomotiv malerisch. Das stereotype Motiv und die malerische Gestaltung halten sich jetzt dergestalt die Waage, dass das Gesamtbild Raum bietet für eine biografische und ästhetische Zwiesprache.
Um an dieser Stelle auf das Eingangszitat der Künstlerin, dass alles schon da sei, zurückzukommen, so zeigt sich im Verfahren von Cornelia Schlemmer, dass sie gerne von Vorhandenem ausgeht, dem sie fragend und befragend und spielerisch gegenübertritt, ja spielerisch, denn der dem Zitat folgende Satz in ihrem Internettagebuch verkündet: „Es macht nämlich verdammt sau viel Spaß!“, und den merkt man ihren Arbeiten an.
Weil wir aber in einer „Spaßgesellschaft“ leben, will ich unbedingt mit Nachdruck die handwerkliche Qualität der Arbeiten betonen; Cornelia Schlemmer, die die Tiefdruck-Werkstatt an der Jugend-Kunstschule „Atrium“ in Berlin leitet, pflegt mit Akribie und Hingabe ein altes traditionbeladenes Medium, das auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblicken kann, aber gerade in diesen Tagen grundlegende Veränderungen erfährt. In Zeiten, in denen jeder zuhause nahezu alles drucken kann, weil er zum Computer auch den Drucker hat, ist es schwer, Kindern und jungen Leuten eine handwerkliche Tradition zu vermitteln, die körperlich anstrengend, zeitaufwändig und ungewiss vom Ergebnis ist und bei der man sich die Hände unter Umständen sehr schmutzig macht. Dieser Aufgabe aber stellt sich Cornelia Schlemmer, die selbst auch drei Kinder hat, innovativ und einfallsreich, wie man leicht nachvollziehen kann, wenn man sieht oder sich fragt, wie die Künstlerin denn hier nun gedruckt hat, so ganz ohne klassisches Equipment, z.B. das Motiv der wunderschönen Bodenfliesen unserer Hauptpost, die aber im Sinne des „Grenzgängers“ dann auch in Malerei übersetzt wurden.
Die mittelformatigen Malereien zeigen eine ähnliche personale Handschrift wie die Drucke, auch hier leichte Verschiebungen der Bildfarbe in Bezug auf das Motiv, also eine leichte Irritation der Wahrnehmung, die Farbflächen nur wenig modellierend gestaltet, eher provozierend läuft die wässrig aufgetragene Acrylfarbe oft in Rinnsalen auf die untere Bildbegrenzung zu.
Viele der Leinwände, die hier bemalt wurden, waren nicht weiß, als sie aus Berlin herkamen, teilweise bleiben „alte“, Bildpartien „gesetzt“, werden aber teilweise überdeckt und damit in rätselhaften Zusammenhang gebracht durch neue Bildelemente, durch welche von hier, aus Frankfurt, die entdeckt wurden, die zeichnerisch oder fotografisch festgehalten wurden, wie auch der im Nebenraum präsentierte, interessante Ausschnitt aus dem Fotoskizzenbuch der Künstlerin verrät.
Exemplarisch möchte ich mich auf den „Frankfurter Totentanz“ beziehen, auf dem zaun- oder lettnerartige Fragmente eine Art Raumschranke für den Betrachter bilden, der hinter den altertümlich anmutenden Zaunteilen zeitgenössische Autos und fast in der Bildmitte einen Menschen zeigt, kein Porträt, eher typisiert weiblich. Darüber aber erhebt sich gewaltig ein wiedererkennbarer Teil eines Epitaphs der Frankfurter Marienkirche und das Ganze verschmilzt assoziativ zu einer Arbeit, die Himmel und Erde, die irdisches Sein in seiner unendlichen Endlichkeit fasst. Eine großartige Arbeit, die ich gerne mit einem Zitat aus dem schon vielbeschworenen Internetblog unterlege: „Leute, labt euch an der Lust am Leben!“, appelliert die Künstlerin am 31.Januar 2012 um 16:51 Uhr alliteratorisch.
Zuletzt sei mir noch ein Satz zu den Objekten gestattet: Nichts gegen „Kick“ und „Ein-Euro-Läden“, die mit Ihrem Vordringen bis in den Oderturm und die Lenné-Passage auch die wirtschaftlichen Verhältnisse vieler Einwohner dieser Stadt schmerzlich beschreiben, die Trödelhallen am Goepelberg haben dagegen schon fast Kultstatus. Sie müssen für Cornelia Schlemmer wie eine Offenbarung gewesen sein, wenn man sieht, mit wie viel Lust am Schwadronieren und Schalk in den Augen hier aus totgesagtem Trödel lebendige Pop-Kultur entstanden ist. Vergnüglich, witzig, doppeldeutig wahrhaftig, Lust und Aufforderung für Jedermann, die Trödelhallen zu stürmen und zu plündern und schaffend neue Fetische zu kreieren.
Dankbar für die vielen Anregungen.

Winfried Bellgardt
Ehrenamtlicher Galerist im Frankfurter Kunstverein und seiner Galerie B